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Notgeld von 1914 und Neuentdeckungen |
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Ein Vortrag von Georg Kiesewetter (Leipzig) während des Sammlertreffens am 11.02.2006 in Zeuthen bei Berlin.
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Das Notgeld von 1914 stellt die erste Periode der Notgeldausgaben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Es wird auch als klassisches Notgeld bezeichnet.
Keller bezeichnet es im Vorwort zu seinem Katalog von 1956 als „Notgeld des Kriegsausbruchs“ des 1.Weltkrieges. Diese Charakterisierung ist aus heutiger Sicht nicht ganz exakt.
Seine Ausgabe in Deutschland ist unmittelbar 1. mit der Vorbereitung und 2. mit der Auslösung des 1. Weltkrieges durch den deutschen Staat verbunden.
Ursachen für die Notgeldausgaben waren Störungen des Geldumlaufs durch das Fehlen von Kleingeld insbesondere in den Grenzgebieten des damaligen Deutschen Reiches sowie in industriellen Ballungsgebieten.
Zu diesen Störungen kam es insbesondere durch folgende 4 Maßnahmenkomplexe des Staates bzw. der Bevölkerung:
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- Der Staat ordnete aus Sicherheitsgründen als eine der Maßnahmen zur Kriegsvorbereitung die Zurückführung des Metall- und Papiergeldes in das Innere des Deutschen Reiches an.
- Das Metallgeld wurde durch Bürger, aber auch die Stadtverwaltungen, Betriebe und Geschäftsleute gehortet. Es kam teilweise zu einer regelrechten Geldhamsterei.
- Zurückhaltung von Silbermünzen und Einzug von Goldmünzen unter der Losung „Gold gab ich für Eisen“ durch den Staat, um den Krieg finanzieren zu können.
- Es entstand ein gesteigerter Geldbedarf infolge der Auszahlung von Unterstützungen für die Familien von Eingezogenen sowie die Ausstattung der Heeresverwaltung mit Zahlungsmitteln.
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So betrug der Zahlungsmittelbedarf der Heeresverwaltung für die ersten sechs Mobilmachungstage 750 Millionen Mark.
Viele der Notgeldscheine nennen die Gründe für die Ausgabe selbst. So steht auf den Scheinen von Gottesberg (Niederschlesien) folgendes:
„Die Herausgabe dieser Scheine erfolgt wegen Mangel an Kleingeld. Es wird gebeten, zur Einlösung Beträge von nicht unter Mark 20,- vorzulegen.“
Auf den Scheinen von Witten (Westfalen) ist folgendes zu lesen:
„Die Städtische Sparkasse zu Witten zahlt gegen diesen Gutschein sobald ihr Silbervorrat es gestattet,
oder ihr zusammen für mindestens 20 Mark Gutscheine vorgelegt werden ... Mark“.
Die früheste datierte Ausgabe von Notgeld dieser Periode stammt vom 31.07.1914. Ausgabestelle ist die Bürgerliche Braushaus GmbH Bremen.
Insoweit ist die Aussage von Grabowski/Mehl in Band 1 der Reihe „Deutsches Notgeld“ (Gietl Verlag 2003) auf Seite 11 unzutreffend.
Dort wird als erste Ausgabe das Notgeld des Kreises Preußisch-Holland (Ostpreußen) vom 01.08.1914 genannt. Es handelt sich hier also um die zweite Ausgabe.
Von allen unmittelbar folgenden Tagen gibt es datierte Ausgaben.
Die große Ausgabewelle erfolgte ab 08.08.1914 mit 24 Ausgaben. Schwerpunkt der Ausgabezeit waren die Monate August und September 1914.
Keller nennt in seinem Katalog 452 Ausgabestellen von 378 Orten. Die unter der Nummer 429 angegebene Ausgabe der Gemeinde Wiesa Bez. Chemnitz (Sachsen) von 1 Mark muss angezweifelt werden.
1914 gab es keine Gemeinde mit der Bezeichnung „Wiesa Bez. Chemnitz“. Es existierte lediglich die Gemeinde „Wiesa im Zschopautal“. Diese Gemeinde hat jedoch 1914 kein Notgeld herausgegeben.
Ein Schein der Gemeinde „Wiesa Bez. Chemnitz“ ist im Bildteil des Keller-Kataloges nicht abgebildet.
Zusätzlich zu Ausgaben im Keller-Katalog sind mir zwischenzeitlich 5 weitere Ausgabestellen von 5 Ausgabeorten bekannt geworden. Sie werden nachfolgend dargestellt:
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- Brake (Niedersachsen) Stadt
21.08.1914 - 15.09.1914 19,80 Mark
ohne Wz; Wert, Datum, Gültigkeitsdauer und zwei Unterschriften handschriftlich, KZ 5,5 mm
Von diesem Schein ist bisher nur ein Exemplar mit der KZ 1 bekannt. Dieser Schein ist ungültig durch einen diagonalen, violetten Stempel.
- Heidenheim (Würtemberg) Konsumverein Heidenheim und Umgebung e. G. m. b. H.
o.D. 1 2 5 Mark
a. RS mit Ovalstempel 1 2 5 Mark
b. RS mit Stpl „Stadtschultheissenamt Giengen“ 1 Mark
c. VS mit Stpl. „Laden IV“, RS mit Stpl. „Schultheissenamt Königsbronn“ 1 Mark
d. blanco 1 2 3 Mark
- Langensalza (Provinz Sachsen) Magistrat
9.12.1914 10 Mark
KZ, Magistratsstempel und zwei Unterschriften
Ein Schein mit dem KZ 31 wurde auf der 20. Rosenberg-Auktion im Frühjahr 1998 versteigert.
Es ist zu vermuten, dass es weitere Nominale gegeben hat.
- Röcknitz-Treben (Sachsen) Ausschuss für Kriegshilfe
o.D. 50 Pfg
mit Stpl „Gemeinde Röcknitz mit Zwochau Amtsh.Grimma“
Der Schein existiert in Antiqua und Fraktur.
- Schiepzig (Provinz Sachsen) Allgemeiner Konsumverein für Schiepzig und Umgegend
1914 10 20 Pfg. 1 10 Mark
farbiger Karton, bei 1 Mark grün bei 10 Mark lila

Da in Vorbereitung und zu Beginn des 1. Weltkrieges Geldzeichen insbesondere in niederer Stückelung fehlten, gibt es das Notgeld von 1914 überwiegend in den Nennwerten 0,50; 1; 2; 3 und 5 Mark.
Insgesamt sind ca. 1635 Grundscheine ohne Varianten bekannt. Zu diesen Grundscheinen kommt eine erheblich größere Anzahl von Varianten hinzu. Keller verzeichnet in seinem Katalog noch rund 2600 Varianten zusätzlich. Aber auch bei den Varianten sind in den letzten Jahren eine größere Anzahl weiterer Varianten bekannt geworden.
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Die wesentlichsten neu bekannt gewordenen Varianten werden nachfolgend dargestellt (Nummern nach Keller):
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- Buer (Westfalen) Stadt
Nr. 56a 2 Mark
bisher bekannte Variante: „2 Mk; 2 Mark“
neue Variante: „2 Mk; 2 Mk“
- Gollantsch (Posen) Magistrat
Nr. 124b: Es existiert auch ein Schein zu 50 Pfg
- Guhrau (Niederschlesien) Magistrat
Nr. 137: Es existiert ein Schein zu 5 Pfg, bei dem beide Zeilen in Fraktur sind mit „Pfg“ in den 4 Ecken.
- Herne (Westfalen) Magistrat
Nr. 148: Es existiert ein Schein zu 5 Pfg ohne KZ und ohne Prägestempel.
- Neustadt bei Pinne (Posen) Stadt
Nr. 258a: Es existiert ein Schein zu 3 Mark mit dem Stempel der Städtischen Sparkasse auf der Rückseite.
- Nordenham (Oldenburg) „Migard“
Nr. 268d: Es existiert ein Schein zu 5 Mark, bei dem die erste Zeile auf „Gutschei-“ endet.
- Thann (Oberelsass) Scheidecker & Kohl GmbH
Nr. 398k: Es existiert ein Schein zu 50 Pfg.
- Wolfen (Provinz Sachsen) Greppin- Werke
Nr. 437b: Es existiert ein Schein zu 6,34 Mark.
Zu den Grundscheinen mit ihren Varianten kommen noch 117 Reststücke von 29 Ausgabestellen hinzu. Diese Reststücke sind echte Vordrucke, die nicht mehr in Umlauf kamen. Sie sind nicht vollständig ausgefüllt. Es fehlen diesen Reststücken bestimmte Merkmale der im Umlauf gewesenen Scheine. Es fehlen z.B. Unterschriften, Stempel oder die Kennzahl. Oft fehlen mehrere dieser Merkmale der Umlaufscheine. Auch diese Reststücke haben durchaus ihren Sammlerwert.
Wer als Sammler noch keinen Umlaufschein hat, sollte durchaus ein Reststück als Beleg in seine Sammlung aufnehmen.
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Ein gesondertes Problem sind die Neudrucke (nicht Fälschungen), die unmittelbar nach 1914 von den ehemaligen Ausgabestellen der echten Scheine veranlasst wurden.
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Insgesamt 75 Ausgabestellen haben Neudrucke herstellen lassen. Ursache dieser Neudrucke waren die große Anzahl von Sammleranfragen nach Scheinen von 1914. Nicht alle Ausgabestellen haben ihre Neuanfertigungen als solche beim Verkauf angegeben. Keller hat insgesamt 476 verschiedene Neuanfertigungen festgestellt. Diese Neuanfertigungen werden im Keller-Katalog genau beschrieben, so dass sie exakt bestimmt werden können. Leider sind Auktionskataloge und Händler nicht immer gewissenhaft. Sie bieten diese Scheine ohne Charakterisierung an, so dass der Sammler, der keinen Katalog hat, manchmal zu seinem Schaden hereingelegt wird. Es kann auch nicht hingenommen werden, dass Neuanfertigungen wie Originale bewertet werden.
Zu warnen ist auch vor Fälschungen von Reststücken, um Originale vorzutäuschen. So gibt es Scheine, wo nachträglich echte oder andere Daten eingetragen wurden. Es wurde auch der Aufdruck „Neudruck“ wegradiert, um den Schein eines Originals darzutun.
In einigen Fällen wurden auch echte Fälschungen hergestellt.
Das Notgeld von 1914 wurde in der Regel ohne Genehmigung herausgegeben, da für ein Genehmigungsverfahren keine Zeit war und die gültigen Rechtsvorschriften einer Ausgabe durch Städte, Gemeinden und Betriebe auch entgegenstanden. Zur Umgehung dieser Rechtsvorschriften wurde die Bezeichnung „Notgeld“ vermieden. Es wurden Bezeichnungen wie „Gutschein“, „gültig für“, „gut für“, „Schuldschein“, „Zettel“ verwendet. Einige Ausgaben haben überhaupt keine Bezeichnung. So enthalten Scheine von einigen Ausgabestellen lediglich das Nominal und einen Stempel.
Zum großen Teil wurde das Notgeld bis Ende 1914 wieder eingezogen. Es gab aber auch einige Ausgabestellen, die Anfang 1915 noch Notgeld ausgeben mussten. U.a. waren es Institutionen der Orte Pulsnitz (Sachsen) und Züllichau (Brandenburg, jetzt Polen).
Die Ausführung der Scheine macht den Charakter von Notgeld schon äußerlich deutlich. Sie waren entweder auf einfache Art gedruckt, auf Schreibmaschine geschrieben, handschriftlich oder maschinenschriftlich hektographiert, handgeschrieben oder nur gestempelt.
Als Material wurde Wachsleinwand, Kattun, jegliche Art von Papier bis hin zu zerschnittenen Spielkarten verwendet. Bei den Papierscheinen finden wir einfaches Schreibpapier ohne oder mit Linien oder Karos, Briefbögen mit dem gedruckten Kopf der Ausgabestelle, gewöhnliches Packpapier, farbiges Glanzpapier, Notizblockblätter, Postkarten, Aktendeckel, Geschäftskarten, Handelsplakate, Gehaltsformulare, Bürovordrucke, Einnahmebelege, Scheckformulare.
All das belegt, wie dringend die Notlage die Ausgabe von Behelfsgeld erforderlich machte.
Wasserzeichenpapier, wie wir es bei späteren Notgeldausgaben fast immer vorfinden, wurde 1914 nur in ganz wenigen Ausnahmefällen verwendet. Die Spannbreite in der Herstellungsart der Scheine ist äußerst groß. Sie reicht vom primitiven Schein bis zu recht gutem Dreifarbendruck. Handschriftlich wurden 51 Ausgaben hergestellt. Mit der Schreibmaschine wurden 20 Ausgaben geschrieben. Durch Stempelung wurden 25 Ausgaben hergestellt.
Weit über 300 Ausgaben wurden im Buchdruck und meist einfarbig gedruckt.
Der Inhalt der Scheine ist trotz des Zusammenhangs ihrer Ausgabe mit dem 1. Weltkrieg meist neutral. Die Scheine von Bischofswerder (Westpreußen) und Deutsch-Eylau (Westpreußen) machen aber auch durch ihre aufgedruckte Kriegspropaganda deutlich, dass die Notgeldscheine von 1914 Sachzeugen der Kriegspolitik im Deutschen Reich sind. Auf den Scheinen von Bischofswerder ist die Losung „Im festen Glauben an den Sieg“ aufgedruckt. Bei Deutsch-Eylau heißt es „Gott mit uns“.
Über die Hälfte der Ausgaben sind undatiert, so dass eine Einordnung der Scheine ohne Katalog oft schwierig ist. Lediglich ca. 170 Ausgaben sind genau datiert. Einige geben nur Monat mit dem Jahr an oder gar nur das Jahr 1914.
Bildschmuck finden wir auf den Scheinen nur in einem einzigen Fall u.zw. bei Sulz im Elsass. Auch der fehlende Bildschmuck ist ein Zeichen für die Eile, mit der die Scheine hergestellt werden mussten.
Die Scheine von 1914 wurden oft nach Einlösung oder bei Abgabe an Sammler entwertet, wobei die Art der Entwertung äußerlich unterschiedlich ist.
Es bleibt abschließend nur zu hoffen, dass in naher Zukunft ein auf den neuesten Stand gebrachter Katalog mit aktuellen Preisen zum Notgeld von 1914 erscheinen möge.
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